Wenn der Biobauer den Sattelschlepper ordert

Vertreter des Schweizerischen Nationalparks (SNP) und der Forschungskommission haben sich am Dienstag in Bern beim Bundesparlament für deren Unterstützung bedankt und Werbung in eigener Sache gemacht.

Sie sind gekommen, um zu danken. Und mit der Delegation des SNP ist auch der schwere, schwarze Koffer am Ziel seiner Reise angekommen. Vollgepackt mit Informationsmaterial steht er in der «Galerie des Alpes» im Berner Bundeshaus. Rund um einen Stehtisch mit schwarzer Tischoberfläche haben sich die Vertreter des SNP versammelt, trinken Kaffee und warten auf ihren Auftritt. Einen Stock höher beraten indes National- und Ständerat an diesem zweiten Tag der Wintersession den Voranschlag 2015. Zufall oder nicht, aber Bestandteil der Diskussion ist auch das Budget des Bundesamts für Umwelt BAFU, und darin sorgsam untergebracht auch der jährliche Bundesbeitrag von rund 3,7 Millionen Franken an den SNP.

In Bern schliesst sich ein Kreis. Vor rund einem Jahr startete hier die Mission «Jubiläumsfeierlichkeiten 100 Jahre Schweizerischer Nationalpark» im Alpinen Museum der Schweiz mit der Vernissage des Atlasses. Diesem zwischen Buchdeckeln gebundenen Leistungsausweis eines Jahrhunderts kompromisslosen Naturschutzes. Erstmals machte nun eine Delegation von Vertretern des SNP und der Eidgenössischen Nationalparkkommission (ENPK) ihre Aufwartung im Bundeshaus und lädt hier Parlamentarierinnen und Parlamentarier – notabene die Hauptsponsoren des SNP – zur Finissage mit Speis und Trank ein.

Biotop und Psychotop

Wie stark der Nationalpark in den Köpfen der Politiker querbeet präsent ist und wie stark das ereignisreiche Jubiläumsjahr nachhallt, beweist das ungewöhnlich hohe Interesse an diesem Parlamentarieranlass. Heinrich Haller, Direktor des SNP, ist denn auch mit dem erklärten Ziel nach Bern gereist, im Parlament nicht nur Danke zu sagen, sondern auch für Interesse und Verständnis zu werben. Und zwar für eine einzigartige Erfolgsgeschichte: «Der Nationalpark ist für viele zu einem Sehnsuchtsort geworden, zu einem Inbegriff für Lebensqualität», so Haller. Der Nationalpark sei eben mehr als nur ein Biotop, «der  Nationalpark ist auch ein Psychotop».

Die investierten Bundesmittel sind gut angelegt, sagt Heinrich Haller in seiner Dankesrede. «Nicht nur für die Erhaltung, Erforschung und Erklärung der Natur, sondern ebenso als existenzieller Teil der regionalen Wirtschaft der Randregion.» Hinter ihm, irgendwo in der Ferne des Hochnebels, halten sich heute sogar die Berner Alpen vornehm bedeckt. «Wir nehmen aber nicht nur Beiträge entgegen, sondern leisten auch etwas dafür.» So würde sich das Dauerexperiment für den Naturschutz, die Wissenschaft, die Bildung und den Tourismus hochgradig lohnen. Zudem gilt der SNP als Urmodell eines wissenschaftlichen Naturschutzgebietes, mit dem Charakter eines Freiluftlaboratoriums und eines der am besten untersuchten Räume seiner Grösse. «Weltweit», fügt Haller an.

Die Geschichten hinter den Fakten

Nun, das in vielerlei Hinsicht erfolgreiche Jubiläumsjahr neigt sich dem Ende zu. Viel Arbeit ist in dieser Zeit liegen geblieben. Bis Ende des nächsten Jahres wollen die SNP-Verantwortlichen die neuen, zukünftigen strategischen Leitplanken definieren und sich an deren Ausführung machen. Der Medienhype wird abnehmen, vermutlich auch die Zahlen. Im Jubiläumssommer verzeichnete das SNP-Besucherzentrum in Zernez satte 50 Prozent Zuwachs, und die Chamanna Cluozza als einzige bewirtete Hütte auf Nationalparkterritorium erreichte mit rund 4800 Übernachtungen eine Steigerung um 33 Prozent zum Vorjahr. Trotz eines miserablen Sommers notabene.

Dann war da das Freilichtspiel «Laina Viva», welches mit 7500 Besuchern alle Erwartungen übertraf und es sich sogar leisten konnte, eine Vorstellung des Circus Nock «zu kaufen», um so eine unglückliche Terminkollision zu verhindern. Bewusst wurde diesen Sommer auf die Durchführung des Open Air Kinos in Zernez verzichtet. Ja, der Traditionsanlass steht sogar auf Messers Schneide. In Anbetracht der Wirkung des SNP bleibt es unverständlich, dass die Suche nach einem Hauptsponsor weiter anhält und zur Knacknuss wird.

Viel zur Bekanntheit des SNP hat auch die nationale Werbetournee durch 16 Coop-Einkaufszentren und der Auftritt des SNP an der Comptoir-Herbstmesse in Lausanne beigetragen. Auch weil die Tournee eine eigene, spezielle Politgeschichte geschrieben hat. Die Ausstellungsteile mit ihren zahlreichen, beweglichen Origami-Tieren lagert zurzeit im Arsenal der Gemeinde Lavin und harrt der Dinge, dem Lauf der Zeit und der Ideen im Hintergrund. Nach Lavin und zuvor durch die ganze Schweiz wurde sie von einem Sattelschlepper der Transportfirma des ehemaligen SVP-Nationalrates Ulrich Giezendanner gekarrt. Eingefädelt hatte diese überparteiliche Sponsoring-Aktion zwischen politischen Gegnern, aber persönlichen Freunden übrigens der Präsident des Jubiläums-OK, Biobauer und alt-SP Nationalrat Andrea Hämmerle. Per Handschlag.

Begrüssen, bedanken und bekräftigen per Handschlag. Das funktioniert auch zwischen politischen Gegnern mitunter bestens. Auch im Zusammenhang mit dem Schweizerischen Nationalpark übrigens. Foto: Jon Duschletta