Kolumne «Mein Weg zur Triathletin»: Meine eigene Olympiade

Im (sehr) engen Neoprenanzug stehe ich am Rand des St. Moritzersees und halte die Zehenspitze ins Wasser. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Doch es gibt kein Zurück mehr!

Nach dem Startsignal stürze ich mich in die Fluten. Die Wassertemperatur wird in der wortwörtlichen Hitze des Gefechts zur Nebensache. Doch auch der Rummel der Mitschwimmerinnen um mich herum legt sich bald und ich finde mich, nicht unerwartet und erstaunlich schnell am Ende des Feldes wieder. Schon fast genüsslich und mit voller Arm- und Beinfreiheit bringe ich den gefürchteten Schwimmteil hinter mich. In der Wechselzone will ich den Reissverschluss des Neoprenanzugs aufziehen, doch nichts geht. Ich zerre und zupfe nervös am Riemen bis endlich eine Helferin herbeieilt. Erleichtert schwinge ich mich kurze Zeit später aufs Rad.

Aufholjagd ist angesagt! Nach der rasanten Abfahrt durch die Charnadüraschlucht überhole ich im leichten Aufstieg Richtung Pontresina eine erste Konkurrentin, weitere folgen. Beflügelt nehme ich die Abfahrt nach Samedan in Angriff. Wenn da nur der Gegenwind nicht wäre! Aber zum Glück geht’s bald wieder in die andere Richtung. Mit dem Wind im Rücken habe das Gefühl, förmlich über die Strasse zu fliegen und auch der Anstieg zurück nach St. Moritz ist ein Klacks. Dieses Mal gelingt der Wechsel problemlos. Familie und Freunde schicken mich mit lautstarker Unterstützung auf die Laufstrecke. Die ersten 100 Meter sind hart. Nach den runden Bewegungen des Fahrradfahrens kommen mir die Beine beim Laufen schwer vor. Entlang des St. Moritzersees finde ich aber einen guten Rhythmus. Im Anstieg zum Stazersee muss ich nochmals auf die Zähne beissen, doch dann geht es fast wie von allein und beschwingt dem Ziel entgegen.

Auf einen Schlusssprint à la Spirig verzichte ich. Und habe beim Zieleinlauf dennoch das Gefühl, gerade mein erstes, persönliches Olympiarennen gewonnen zu haben.

Ruth Ehrensperger