Freude und leiden beim Aufstieg in Zernez

Der Aufstieg in Zernez ist für viele Teilnehmer eine Überraschung. Kurz und intensiv führt der Weg zum Sendeturm hinauf. Die «EP» war vor Ort und hat das Rennen am Hügel verfolgt.

Die Ankunft der ersten Fahrer des Nationalpark Bikemarathons ist auf 9.15 Uhr geplant. Um 9.20 Uhr rattert ein Streckensicherungs-Quad an den Zuschauern vorbei, das Zeichen, dass die ersten Fahrer kommen. Zwei Minuten später rast von der anderen Talseite her ein Bike den Kiesweg hinunter. Mit viel «Heja, Heja» und «Hopp» wird der Leader angefeuert. Beim Vorbeifahren verrät ein Blick auf die dunkelgrüne Startnummer, dass es sich dabei um einen Teilnehmer aus Livigno handelt. Der vierte Fahrer wird von zwei Frauen mit besonders viel Begeisterung erwartet. Eine davon, wahrscheinlich seine Partnerin, ist ganz entrüstet: «Er hat eigentlich Fieber. Wieso macht er überhaupt mit?» Er hält bei den Damen an, zieht seine Jacke aus und nimmt ein Nahrungsbeutelchen zu sich. Die Frage, ob er nicht aufgeben will, beantwortet er nicht. Er steigt auf sein Bike und fährt weiter. 

Die meisten Fahrer aus Livigno erreichen den Hügel bei Zernez zur gleichen Zeit wie das Mittelfeld der Teilnehmer aus S-chanf. Kuhglocken werden geläutet und die Fahrerinnen und Fahrer werden von den Zuschauern kräftig angefeuert. Die Schnellen sind bereits am Fernsehturm vorbei, während sich die etwas Langsameren die ungefähr 140 Höhenmeter hinauf mühen. Dankbar nehmen sie die angebotenen Getränke oder Riegel an. Während die Zuschauer ein paar Teilnehmer kennen und flotte Sprüche klopfen, können die Fahrer selbst kaum antworten, so ausser Atem sind sie. Ein Lächeln oder ein kurzes «Merci» für die Unterstützung liegt jedoch bei den meisten drin.

Ein sichtlich müdes Mädchen hält plötzlich am Strassenrand an und fängt an zu schluchzen. Sie hat den Vater und ihre Schwester in der Menge verloren. Nach fünf Minuten warten kommt ein Mann mit dem exakt gleichen Trickot um die Kurve. Erleichtert steigt das Mädchen auf das Fahrrad und zu dritt wird der Rest des Rennens in Angriff genommen.

Während der Regen langsam einsetzt, ist die grosse Menge bereits vorbei und einzelne Fahrer der Fuldera-Strecke passieren die Ofenpassstrasse in Richtung des Hügels. Sie präsentieren sich noch schmutziger als die vorigen und ihre Schaltungen sind dementsprechend verklebt. Man hört ein Knacksen und Knarren – jemand steigt vom Fahrrad und flucht laut.

Ein Motocross-Bike hat sich neben der Strasse bereitgemacht, das Zeichen, dass sich die ersten Fahrer der langen Strecke nähern. Fünf Minuten später springt der Motor an und vier Teilnehmer der Vallader-Strecke kommen über die Brücke. Trotz der bereits gefahrenen 90 Kilometer kurven die vier Männer relativ locker den Hügel hinauf – das zeugt von ihrer Ausdauer!

Wie immer eine stimmungsvolle Dorfpassage in Guarda. Foto: Reto Stifel