Was bringen Olympische Winterspiele dem Unterengadin?

Marco Müller gegen Angelo Andina

Pro-Lager

Ohne Visionen entstehen keine Innovationen und dadurch kein Fortschritt. Ohne Fortschritt gibt es keinen Wohlstand und ohne Wohlstand kann unsere Region nicht überleben. Ginge es nach Avenir Suisse, so würden unsere Randregionen zum Museum oder reinen Naturpark verkommen. Was würde unsere Region dann den Einheimischen bieten? Ein paar wenige Arbeitsplätze als Museumswärter oder Naturparkwächter? Etliche Familien und Jugendliche müssten die Region verlassen und in den Städten und deren Agglomerationen Arbeit und Einkommen suchen. Die Randregionen würden entvölkert und langsam aussterben. Dass dies bis jetzt noch nicht geschehen ist, verdanken wir immer wieder unseren Visionären und innovativen Geistern in der Region. Wo wäre heute das Unterengadin ohne die damaligen Förderer der Mineralwasser, den Erbauern der Trinkhalle Nairs und des Scuol Palace, des Schweizerhofes in Vulpera, des Hotels Val Sinestra, des Hotels Belvédère in Scuol und in jüngster Zeit des Bogn Engiadina Scuol? An prominenten Orten wurden wuchtige, pompöse Bauten erstellt. Heute kaum mehr vorstellbar. Eine Flut von Gesetzen und Gegnern wüsste dies zu verhindern. Diese Zeichen der vergangenen Blüte des Tourismus gehören heute zum Kulturgut unserer Region und sind nicht mehr wegzudenken. Wo sind die heutigen Visionäre, wo entsteht heute Innovation? Eine grosse Chance bestünde in der Ausrichtung der Olympischen Winterspiele im Jahre 2022. Eine Chance, unsere Region der ganzen Welt im besten Licht zu präsentieren. Unsere Kulturgüter aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert, unsere intakte Naturlandschaft und Kulturlandschaft und unsere romanische Kultur haben es verdient, einem breiten Publikum präsentiert zu werden. Dank dieser Plattform liesse sich der Tourismus neu beleben, die Talfahrt stoppen und Arbeitsplätze auch in unserer «entwicklungsarmen» Region sichern. Auch im sportlichen Bereich müssen wir unseren jungen Menschen Visionen ermöglichen. Im Zeitalter von Internet, sozialen Plattformen und Cyber-Sucht bietet der Sport eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung und einen guten Ausgleich zum alltäglichen Stress. Leistungssport fördert neben den körperlichen Fähigkeiten auch den Geist. In unserer Region hat sich das Hochalpine Institut in Ftan als Sportschule und regionale Mittelschule etabliert. Neben vielen anderen Talenten hat auch Olympiasieger Dario Cologna diese Schule besucht. Als Schweizer des Jahres hat Dario gezeigt, wie der Sport die Massen faszinieren kann, und dies auch ohne kommerzielle Hintergedanken. Damit diese regionale Sportstrukturen auch in Zukunft überleben können, brauchen unsere jungen Sportler Visionen und Ziele. Dass Olympische Spiele im eigenen Land diese jungen Sportler zusätzlich zu Höchstleistungen motivieren, haben bereits andere Austragungsländer bewiesen. Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass unsere Region in kultureller und sportlicher Hinsicht nur profitieren kann. Und wenn der Staat hierfür noch bereits lang geplante Investitionen in unsere Infrastrukturen vorzieht, kann es uns wohl nur Recht sein.

Marco Müller ist Präsident des Skisport-Fördervereins und lebt in Scuol.

 

Contra-Lager

Der Verein «Olympia 2022 in Graubünden» wird nicht müde, so genannte Experten mit Studien zu beauftragen, welche die Wertschöpfung dieses Mega-Anlasses berechnen, meist ohne fundierte Kenntnisse der regionalen Verhältnisse und der zu erwartenden Kosten: «Olympische Winterspiele in Graubünden lösen in der Schweiz direkt Umsätze zwischen 3,7 und 4 Milliarden Franken aus. Ausserdem fallen bis zu 1,5 Millionen zusätzliche Übernachtungen an.» Soso. Woher kommen diese Zahlen, wer profitiert genau von diesen angeblichen Milliarden? Wer Geld verdient an Olympia und wer davon profitiert, das entscheidet vor allem das IOC, welches die Vermarktungsrechte vergibt. Vor allem geht es auch um Fernsehrechte. Bei anderen Grossanlässen befehlen die entsprechenden Verbände, wie z.B. bei den letzten Ski-Weltmeisterschaften in St. Moritz. Was konnte man da im Fernsehen vor allem sehen an Werbung? Ferien in unserem Nachbarland. Manch eine(r) musste sich fragen, wo man sich befindet. St. Moritz im Tirol?
Jetzt bleibt die Frage: Was kann sich z.B. das Unterengadin von diesem angeblichen Geld- und Werbesegenkuchen abschneiden? Dazu interessiert die Frage, wer kann es sich leisten, die Rechte des IOC zu erwerben. Liefert die Unterengadiner Brauerei das Bier oder eine der globalen Grossbrauereien? Liefert eine Unterengadiner Metzgerei die Würste? Werden Unterengadiner Firmen für die Bauten berücksichtigt?
Erwirbt Engadin Scuol Tourismus die Werbeflächen in den Zielräumen der verschiedenen Anlässe? Ein Promotor des Projektes hat zu mir gesagt: Auch du kannst vom Olympi-Segen profitieren. Soso. Bin ich als OK-Präsident vorgesehen oder darf ich für das IOC die Werbeverträge abschliessen? Das wäre zwar ohne Zweifel lukrativ, aber ich glaube kaum, dass dafür ich oder jemand aus dem Unterengadin vorgesehen ist.
Bleibt noch abzuklären, wo die eineinhalb Millionen zusätzliche Übernachtungen anfallen. Die Spiele würden ja in der Wintersaison stattfinden, gerade dann, wenn die Hotels ja ohnehin gut belegt sind. Vielleicht gibt es im Unterengadin Hotels, die ihren Stammgästen während der drei Olympia-Wochen absagen, um die Zimmer dann zu höheren Preisen an Olympia-Gäste zu vermieten. Das soll ja in anderen Austragungsregionen vorgekommen sein.
Während dieser Zeit ist es z. B. im Unterengadin kaum möglich, zusätzliche Logiernächte in Hotels und Ferienwohnungen zu generieren. Auch sind die Distanzen zum Austragungsort ziemlich weit.
Immerhin wird der Verkehr auf der Kantonsstrasse auch im Unterengadin erheblich zunehmen. Davon können dann wenigstens die Tankstellen profitieren. Es fällt mir schwer, einen Grund zu finden, als Unterengadiner Olympische Spiele in Graubünden zu unterstützen. Sorry! Liebe Promotoren, vielleicht könnte man das viele Geld von Bund und Kanton nachhaltiger einsetzen. Im Unterengadin hätte ich da einige Vorschläge.

Angelo Andina ist Hausmann und Koordinator von VERDA - Grünes Graubünden.