Luftige Kletterei auf 4000 Metern Höhe

Keine sechs Stunden waren sie von der Tschierva-Hütte bis auf den Piz Bernina unterwegs. Das ist schnell, Ursina und Oskar waren topfit. Die Gratkletterei verlangte ihnen trotzdem alles ab.

Der Biancograt liegt bereits hinter ihnen, die Bergführer der Bergsteigerschule Pontresina kommen gut voran mit Ursina und Oskar. Nun ist die Kletterei in der Berninascharte dran, dem schmalen und ausgesetzten Felsgrat zwischen Biancograt und Piz Bernina. Plötzlich ist der Grat unterbrochen. Es klafft eine Lücke von rund einem Meter. Um darüber zu kommen, braucht es einen kleinen Sprung oder einen langen Spreizschritt. Eine Kleinigkeit eigentlich, aber wenn es links und rechts 1000 Meter im Freiflug hinuntergeht, eine echte Mutprobe.

Oskar kommt als Erster an diese Stelle. Bevor der 48-jährige Senter überhaupt realisiert, dass eine Mutprobe wartet, hat ihn sein Bergführer Marco auf eine Plattform abgeseilt. Dieser springt flink über Oskar hinweg und weist ihn an, zu ihm hinauf zu klettern. Als Oskar erfährt, dass er den berüchtigten «Schritt des Grauens» bereits hinter sich hat, ist er etwas enttäuscht, ihn auf diese Weise überwunden zu haben. Aber nochmals zurück will er dann doch nicht.

Schritt des Grauens

Ursina ist mit Bergführer Berni am Seil. Er demonstriert, wie man diese Schlüsselstelle mit einer Kette bezwingt, die dafür am Fels angebracht ist. Er lässt sich langsam über den Abgrund hängen, spreizt seine Beine und schwingt sich elegant auf die andere Seite. «Ich habe kurze Beine, das kannst du auch», sagt er zu Ursina. Die 30-jährige Puschlaverin fasst sich ans Herz und setzt zum Spreizschritt an. Sie steht im Halbspagat zwischen dem Felsspalt und beginnt zu wackeln. Und das auf über 4000 Metern. Nach einer Zitterpartie schafft sie es schliesslich zu Berni.

Das Schwierigste ist geschafft. Nach einer letzten Steilstufe mit einfacher Kletterei steht das EP-Team auf dem Gipfel des Piz Bernina: 4049 Meter über Meer, der höchste Berg der Ostalpen. Ein überwältigender Moment. Und die Aussicht über ein Meer von Gipfeln ist grandios. Man sieht bis zur Brenta- und Ortlergruppe, zu den Berner Alpen mit dem Finsteraarhorn und den Walliser Alpen mit Monte Rosa und Weisshorn. Und sogar das Matterhorn ist zu sehen, was selten ist. Doch heute ist die Fernsicht besonders gut.

Schnelles EP-Team

Die Bergführer der Bergsteigerschule Pontresina sind zufrieden mit Oskar und Ursina. Nicht einmal sechs Stunden haben sie gebraucht von der Tschierva-Hütte bis zum Gipfel. Das ist schnell. Die beiden haben sich super vorbereitet und waren vor allem konditionell bereit. «Wenn du so etwas planst, musst du trainieren. Dann kannst du die Tour auch geniessen», sagt Oskar. Auch für Ursina war die Ausdauer kein Problem. Aber mit Steigeisen über Felsen zu kraxeln, brachte auch die ehemalige Spitzenlangläuferin an ihre Grenzen. «Ohne die Ausbildungstage und ohne Bergführer hätte ich das nicht geschafft.»

Den Biancograt, der von unten so schmal aussieht, haben sich die beiden jedoch schwieriger vorgestellt. «Es war anstrengend zum Laufen, aber das Ausgesetzt-Sein war nicht so schlimm», meint Oskar. Vermutlich liege das daran, dass man beim Bergsteigen immer auf die Füsse und Hände schauen muss und so die Exponiertheit gar nicht richtig realisiert.

Zum Bergsteiger gereift

Der Abstieg über den Spallagrat dauert nur eine gute Stunde und so sitzt das EP-Team kurz nach 11.00 Uhr bereits in der Marco e Rosa-Hütte. Am nächsten Tag steht die Überschreitung des Piz Palü an, der liegt quasi auf dem Weg zur Diavolezza. Somit haben Ursina und Oskar den ganzen Nachmittag Zeit, um das Geleistete nochmals Revue passieren zu lassen: die Ausbildungstage im Fels und Eis, der Piz Morteratsch, die kurze und nervöse Nacht in der Tschierva-Hütte, das Laufen und Klettern mit Stirnlampe, die ersten Sonnenstrahlen kurz vor dem Biancograt?

Vor drei Monaten hatten Ursina und Oskar kaum Erfahrung mit Klettern und Hochtouren, nun haben sie den Piz Bernina mit Bravour bestiegen und sind zu begeisterten Bergsteigern geworden. Und sie träumen bereits von neuen Zielen. «Der Piz Badile wäre schon noch toll.»

Geschafft: Oskar und Ursina auf dem Piz Bernina (4049 m).

Einstieg in den Biancograt. Die ersten Sonnenstrahlen begrüssen Marco und Oskar.

Der Biancograt mit der «Haifischflosse» im Morgenlicht.

Oskar bei der anspruchsvollen Kletterei in der Berninascharte.

Luftige Gratkletterei auf über 4000 Metern Höhe. Die Berninascharte zwischen Piz Bianco und Piz Bernina erfordert Schwindelfreiheit.

Nur noch wenige Meter bis zum Gipfel: Ursina und Berni haben es bald geschafft.