Der Sprachjongleur - Ein Porträt über einen Achtjährigen, der täglich drei Sprachen spricht

Die Sprachensituation im Engadin wird oft thematisiert. Doch wie gehen Kinder mit der Mehrsprachigkeit um? Ein Blick in den Alltag eines Zweitklässlers aus Zuoz.

Bento Simao ist ein aufgestellter Junge, der in Zuoz gerade die zweite Klasse abgeschlossen hat. Er spielt nach der Schule oft Fussball, räumt nicht gerne auf und spielt gerne den Klassenclown. Auf den ersten Blick unterschiedet er sich also kaum von vielen anderen Achtjährigen. Wenn man ihm jedoch einmal genauer zuhört, wird es spannend.
Bento geht morgens mit seiner Mama Sylvia Simao aus dem Haus und verabschiedet sich auf Hochdeutsch. Vorne am Eck trifft er seine Mitschüler, mit denen er in die Schule läuft und begrüsst diese auf Romanisch. Auf dem Schulhausplatz angekommen, wird Bento von einem Mädchen etwas auf Portugiesisch gefragt und er antwortet ganz selbstverständlich. Innerhalb von zehn Minuten hat Bento, ohne zu überlegen, zwischen drei Sprachen hin- und hergewechselt.

Sprachen- und Kulturenmix

«Wir wollten, dass Bento zweisprachig aufwächst, damit er sich mit beiden Teilen der Familie verständigen kann», sagt Sylvia Simao. Die gebürtige Dortmunderin kam ins Engadin, um im Gastrogewerbe zu arbeiten und lernte hier ihren Mann kennen, einen Portugiesen. So kam es, dass Bento schon von klein auf Deutsch und Portugiesisch lernte. «Je nachdem, mit wem ich spreche, wechsle ich dann die Sprache», sagt Bento. «Aber zuhause sprechen wir meistens Deutsch, damit uns Mama auch versteht.» Bentos Papa kann Deutsch, seine Mama versteht ein wenig Portugiesisch, spricht es aber selber nicht. Beim Fernsehen wird es dann richtig herausfordernd: «Die portugiesischen Sender zeigen Filme oft auf Englisch mit portugiesischen Untertiteln», sagt Sylvia Simao. «Da versteh ich dann nicht alles», gibt Bento zu, «aber ich versuche die Untertitel zu lesen.»
Um die Sprache zu pflegen, aber vor allem auch, um mehr über die portugiesische Kultur zu lernen, besuchte Bento in den letzten zwei Jahren den Portugiesischunterricht in Zuoz. «Das wird von der portugiesische Botschaft in der Schweiz organisiert, um Kindern den Umgang mit mehreren Sprachen und Kulturen zu erleichtern», sagt Sylvia Simao. In einem portugiesischen Verein sind die Simaos aber nicht. Die portugiesische Kultur schlägt im Hause Simao nebst der Sprache am ehesten im Essen durch.

Gemeinsamer Nenner

In der Spielgruppe und später vor allem in Kindergarten musste Bento dann auch noch Romanisch lernen. «Das fand ich am Anfang schon ziemlich schwierig», sagt Bento. Mittlerweile spricht er es zwar fliessend und sogar in der Freizeit mit den Schulfreunden, sein Lieblingsfach in der Schule ist es jedoch nicht. «Mathe macht mir mehr Spass», sagt Bento. Kopfrechnen würde er in Deutsch, wie Bento verrät. «Auf Deutsch kann ich schon bis hundert rechnen.» Es kommt auch ab und zu vor, dass ihm ein Wort in einer der anderen Sprachen einfällt, aber nicht auf Romanisch. Damit hat seine Lehrerin Mary Zampatti überhaupt kein Problem: «Ich möchte, dass es die Kinder versuchen, auf Romanisch zu sagen, aber sie dürfen es auch in einer anderen Sprache sagen.» Da käme es schon mal vor, dass sich die Mitschüler untereinander fast besser weiterhelfen können. In Bentos Klasse sind es sechs Kinder, die als Muttersprache weder Deutsch noch Romanisch haben. Und so mischen sich in Zampattis Klasse die verschiedensten Sprachen. «Aber mittlerweile sprechen sie sehr fleissig Romanisch untereinander», sagt Zampatti. Im Romanischen haben die Kinder einen gemeinsamen Nenner gefunden; eine Sprache, die sie alle verstehen.