Gelebte Mehrsprachigkeit im Bergell - Ausserhalb des Klassenzimmers gilt der praktische Umgang

Die Schule von Maloja mit ihrem Immersionsmodell hat Erfolg. Warum sie dennoch kein Vorbild für das ganze Bergeller Schul?system sein kann, erklärt Schuldirektorin Elena Salis.

Wer in Italienischbünden über Mehrsprachigkeit und Schule diskutiert, kommt um Maloja nicht herum. Dort wurde vor zwölf Jahren an der Primarschule das zweisprachige Immersionsmodell eingeführt. Der Wechsel der Schulsprache von ausschliesslich Italienisch auf Deutsch sowie Italienisch lag in den sinkenden Schülerzahlen begründet. Um die Schliessung der Schule zu verhindern, schlug der damalige Schulratspräsident Antonio Walther dieses in Italienischbünden bisher unbekannte Schulsystem vor. In den Folgejahren liessen sich vermehrt junge Familien in Maloja nieder, und mehr Kinder besuchten wieder den Kindergarten und die zwei Klassenzüge der Primarschule.

Amtssprache ist Italienisch

Das Immersionsmodell war und ist ein Erfolgsmodell. Könnte es zur Förderung der Mehrsprachigkeit auch an den anderen Schulen des Bergells eingeführt werden? «Nein», sagt Elena Salis, die Schuldirektorin der Gemeinde Bregaglia. «Maloja ist wohl ein zweisprachiges Dorf, aber das Bergell kein zweisprachiges Tal», sagt die Vorsteherin von zwei Kindergärten, zwei Primarschulen und einer Oberstufe. Nur schon von der Gesetzgebung ist also das Immersionsmodell im Bergell nicht möglich, denn die Amtssprache der Gemeinde Bregaglia sei Italienisch. Eine 2008/2009 durchgeführte Umfrage habe zudem ergeben, dass das Bedürfnis nach einem Systemwechsel nicht da sei. Eine klare Elternmehrheit habe sich damals für den Status quo ausgesprochen. «Viele befürchteten, dass durch die Stärkung des Deutschen das Italienische in den Hintergrund gedrängt werden könnte», sagt Salis. Eine Angst, die sie selbst als rational unbegründet qualifiziert. Auch wenn das deutsch-italienische Immersionsmo?dell für die Schulen unten im Tal kein Thema sind, das Schulfach Deutsch wurde gestärkt. So wird an der Oberstufe bei den Schulabgängern eine Wochenlektion, meistens Geografie, auf Deutsch unterricht.
«Maloja ist ein Sonderfall», sagt Salis, «hier geht die Sprachgrenze durch.» Maloja sei enger ans Oberengadin gebunden als das Valposchiavo oder die Mesolcina und schon länger durch den Oberengadiner Tourismus beeinflusst als die anderen italienischsprachigen Talschaften. Wie in Maloja, wird im ganzen Bergell die Mehrsprachigkeit als Chance gesehen und auch als Notwendigkeit. Schliesslich sei das Lehrangebot beschränkt und für weiter?füh?rende Schulen müssten die Jugendlichen sowieso das Bergell verlassen.

Mehrsprachige Verständigung

Die Mehrsprachigkeit wird auch in der Freizeit gelebt, stellt die Bergeller Schuldirektorin fest. Auf dem Pausenplatz in Maloja werde Portugiesisch, Italienisch, Bergeller Dialekt und Schweizerdeutsch gesprochen. Auf den Pausenplätzen der anderen Bergeller Schulen Bergeller Dialekt und Italienisch. «Welche Sprache gesprochen wird, hängt von der Gruppenbildung ab», fügt sie hinzu. Meistens gebe das stärkste Kind den Ton an. Es könne aber in der Freizeit auch vorkommen, dass sich eine Gruppe Jugendlicher auf Bregagliot unterhalte und dann auf Schweizerdeutsch umschwenke, wenn ein Neuzuzüger aus der Deutschschweiz sich zu ihnen geselle. «Der Umgang mit den Sprachen ist ein pragmatischer», stellt Salis fest. Oft werde einfach auch dasjenige Wort gebraucht, das einem als Erstes in den Sinn komme. Das führe zwar zu einem sprachlichen Mischmasch, aber die Kinder und Jugendlichen seien sich sehr wohl bewusst, dass sie Sprachgrenzen überschritten und könnten sich gut verständigen. Eine Praxis der gelebten Mehrsprachigkeit, die sich gemäss einer italienischen Forschungsstudie der Academia Crusca bis in die sozialen Medien durchziehe.