Besinnen, wertschätzen und die Arbeit der Visionäre weiterführen

Wasser wird gerne als blaues oder flüssiges Gold bezeichnet. Tatsächlich ist Wasser wertvoll und wer ausreichend sauberes Wasser besitzt, besitzt Macht. Deshalb ist die Frage legitim, ob das Engadin seinen wichtigsten Rohstoff genügend nutzt.

Wasser, Sonne und Berge sind allesamt wohlbekannte und beliebte Motive der Werbung. Wer aber am Ende der Wasserkette lebt, zu wenig und verschmutztes Wasser als Lebensgrundlage hat, ist wenig an schönen Bildern interessiert. Anders jene, die das Glück haben, auf der Sonnenseite zu leben. Sie können aus dem Vollen schöpfen. Bis hin zur Gefahr, den Bezug und die Wertigkeit des «Alltäglichen» aus den Augen zu verlieren. Das gilt auch für all jene, welche das Privileg haben, an der Quelle des Wassers leben zu dürfen. Dort, wo das Wasser noch rein und sauber ist. Dort, wo das Wasser aus der Erde tritt und in alle Himmelsrichtungen fliesst. Dort ist hier und das hier heisst Engadin.

Oberhalb von Maloja beginnt der Lebensnerv Inn seinen Weg. Sein Wasser, und das aller Seitenbäche, speist die unvergleichliche Seenlandschaft des Oberengadins, bevor es sich durch den Talgrund des Unterengadins schlängelt. Unterwegs wird das blaue Gold vielfältig genutzt. Landwirtschaft, Tourismus, Energiewirtschaft, Gesundheit oder Freizeit, um nur einige zu nennen. Ihnen allen ist eins gemein: Ohne ausreichend Wasser gibt es keinen Lebens- und keinen Wirtschaftsraum.

Und hier kommen die einstigen Visionäre ins Spiel, die Begründer des Tourismus oder des Schweizerischen Nationalparks, der Bäderkultur oder des Gesundheitswesens, welche allesamt an die Kraft des Wassers und der Natur geglaubt haben. Ohne sie hätten nachfolgende Visionäre weder die Rhätische Bahn, die verschiedenen Wasserkraftwerke noch Bildungsinstitute geplant und gebaut. Das alles gehört heute im Engadin zur Selbstverständlichkeit. Derweil fliesst das Wasser weiter talabwärts, wird auf seinem Weg getrunken, ausgeschieden, gereinigt, verwertet, genutzt und – vor allem im Unterengadin – gehörig mit Mineral- und Heilwasser angereichert. Wie es nur ein Engadin gibt, ist auch die chemische Formel des Wassers (H2O) überall gleich, ob sauber oder verschmutzt, ob frei fliessend, in Gletschern gebunden, flüchtig oder in elektrische Energie verwandelt.

In verschiedenen Beiträgen wurden während der Schwerpunktwoche konstruktive Vorschläge gemacht, wie das Wasser hier im Engadin wieder an Wertschätzung gewinnen könnte. Vor- schläge, welche die kreative Nutzung, die Kraft des «flüssigen Goldes» beschwören. Vorschläge aber auch, welche fordern, sich der vorhandenen Werte zu besinnen und diese sinnvoll zu nutzen. Aber wie? Beispielsweise durch die Positionierung der Destination Engadin als touristische Einheit mit Fokus auf den «Quell des Lebens», das «blaue Gold». Dabei ist auch das Stich- wort Wasser-Weltnaturerbe gefallen. Sicher ein mutiger, vielleicht utopischer, aber sicher weitsichtiger Vorschlag. Ziel einer Schwerpunktwoche kann es nicht sein, das gewählte Thema ab- schliessend zu behandeln. Aber sehr wohl Ideen und Visionen Platz einzuräumen, zum Nach- und Mit- denken einladen und – im besten Fall – etwas in Gang zu setzen. Dazu braucht es keine neuen Visionäre, sondern nur weitsichtig agierende Menschen, welche gemeinsam die Errungenschaften der einstigen Visionäre weiterführen.

Wasserfall bei Zuoz. Foto: Jon Duschletta