Der Wassermann von St. Moritz

Ein St. Moritzer verbraucht jeden Tag durchschnittlich 142 Liter Trinkwasser. Wie kommt das Wasser in jeden Haushalt? Wer sorgt dafür, dass es ankommt und wer kontrolliert die Wasserqualität?

Man schickt die Kinder Händewaschen, man füllt den Kochtopf, springt schnell un- ter die Dusche oder lässt sich gar ein warmes Bad einlaufen. Man braucht es jeden Tag, ohne darüber nachzudenken: Wasser.

«Wenn ich die Schieber im Reservoire abstelle, würden alle St. Moritzer merken, was meine Aufgabe ist», lacht Heinrich Denoth. Er ist Leiter der Was- serversorgung in St. Moritz und verantwortlich, dass alle im Dorf zu jeder Zeit genügend und qualitativ hochwertiges Wasser haben, wenn sie den Hahn auf- drehen. «Die Infrastruktur, die es dafür bedarf, ist enorm, doch der Konsument sieht nur den Hahn», sagt Denoth. Und tatsächlich, die ganze Wasserver- sorgungsanlage ist unwahrscheinlich gross und doch sieht man nur einen sehr kleinen Teil davon, weil alles unterirdisch verläuft. Das Leitungsnetz unter den Strassen ist in St. Moritz 55 Kilometer lang, und zu den Häusern sind es noch einmal 30 Kilometer. Fünf Quellgebiete versorgen ganz St. Moritz mit frischem Trinkwasser. Von den Quellfassungen über die Speicherung in den Reservoirs, die insgesamt 7,75 Millionen Liter fassen, bis zur Verteilung in jeden einzelnen Haushalt ist Heinrich Denoth zuständig. Er ist von der Gemeinde St. Moritz angestellt und hat drei Mitarbeiter. «Wir müssen für die Qualitätssicherung sorgen, zum Beispiel, indem wir Schwachpunkte sofort beheben», so Denoth. Die Schutzzonen des Grundwassers und der Quellfassungen sind etwa solche Schwachpunkte, die nicht betreten werden dürfen. Auch dem Bezug von Wasser auf den Baustellen gilt besonderes Augenmerk.

Grosse Nutzungsschwankungen

«Den grössten Teil des Bedarfes decken wir mit Quellwasser, doch in der Hochsaison, wenn das Dreifache an Wasser gebraucht wird, füllen wir die Reservoire in der Nacht mit Grundwasser auf», erklärt Denoth. Liegt in der Zwischensaison der Tagesverbrauch bei 2,5 Millionen Liter, so steigt er in der Hochsaison bis zu acht Millionen Liter am Tag. «Über die Festtage werden bis zu 10 000 Liter Wasser pro Minute verbraucht und das allein in St. Moritz.» Das bedeutet, dass die Wasserversorgung für 22 000 Menschen eingerichtet sein muss, obwohl meistens nur 7000 versorgt werden. «Auch das Quellwasser schwankt; im Sommer ist die Quellschüttung viel grösser als im Winter», erklärt Denoth. Der Leiter der Wasserversorgung ist auf alle Schwan- kungen gefasst, denn: «Es kam noch immer Wasser aus dem Hahn.» In den meisten Fällen merkt der Verbraucher gar nichts von Störungen. Unregelmässigkeiten in der Versorgung werden dank eines Leitsystems, automatisch angezeigt.

Lieber agieren, als reagieren

Nebst den Anlagen ist Denoth auch viel auf Baustellen unterwegs. Er stellt vor jeder Bauarbeit sicher, dass keine Leitungsschäden entstehen und neue Leitungen richtig verlegt werden. Um allfällige Rohrbrüche sofort zu erkennen und zu beheben, werden täglich alle Wasserverbräuche gemessen. In der Nacht werden die Leitungen sogar «abgehört», um Veränderungen zu erkenne. Bei einem Rohrbruch läuft in erster Linie Wasser nach aussen, doch die Gefahr ist, dass äusseres, verschmutztes Wasser in die Leitungen fliessen könnte. «Wir agieren lieber im Vorfeld, in- dem wir ständig alles überprüfen, als dass wir danach auf Vorfälle reagieren müssen», ist Denoths Motto. Gefahren für die Wasserverschmutzung gibt es hier oben eher wenig: «Über uns sind nur die Berge, sodass von oben keine Verschmutzungen kommen, ausser von der Luft. Da haben wir Glück mit unserer Lage.»

«Mich fasziniert alles an meinem Beruf. Er ist sinnerfüllt. Ich weiss jeden Abend, dass alle St. Moritzer einwandfreies Trinkwasser haben und das ist eine Genugtuung», erzählt Heinrich Denoth. «Wasser ist das wichtigste Lebensmittel und dessen ist man sich in der Schweiz gar nicht so bewusst, doch in Krisengebieten ist das Wasser das Erste, was fehlt.» Denoth schätzt das saubere Wasser jeden Tag: «Mich begeistert das Wasser, weil es ein Naturprodukt ist. Es braucht keinerlei Behandlung.» Im Gegensatz zu Mineralwasser aus der Flasche: «Die Ökobilanz von drei Dezilitern Mineralwasser entspricht demselben Aufwand, der für 142 Liter Trinkwasser nötig ist. Das ist der Tagesbedarf eines St. Moritzers.»

Die Wasserversorgungsanlage in St. Moritz besteht aus fünf Quellen, zehn Reservoirs und Grundwasserquellen, die das Dorf ständig mit frischem Wasser versorgen. Heinrich Denoth sorgt dafür, dass das ganze System funktioniert und ist sehr überzeugt und fasziniert von seiner Arbeit. Fotos: Annina Notz/Uli Lippuner