Wasser als grosses, weitgehend ungenutztes Potenzial

Das Engadin soll zum «Wasser-Weltnaturerbe» werden. So lautet eine visionäre Forderung aus der Schwerpunktwoche «Wasser und Gesundheit». Wie reagiert die Region auf solche Vorschläge?

Quellwasser, Gebirgssonne und Höhenklima – auf diesen drei Säulen könnte sich die Region Engadin in Zukunft verstärkt touristisch positionieren und ein Unesco-Label «Wasser-Weltnaturerbe» anstreben. Die Vision hat auch schon mögliche Namen bekommen: Wasser-Kompetenzzentrum, Wasserschloss oder «Engiadina Terra sana» wurden bereits ins Spiel gebracht. Aus der Luft gegriffen ist die Idee keineswegs. Das Engadin gilt bereits heute als Wasserschloss und seine Geschichte sowie touristische Entwicklung basiert nicht zuletzt auf Quell- und Heilwasser. Der Ruf von St. Moritz als Weltkurort fusst unter anderem auf seinem Heilwasser und die Region Unterengadin hat sich touristisch bereits vorbildlich mit dem Thema Wasser positioniert.

Leuchtturm Unterengadin

Das regionale Gesundheitszentrum «Center da sandà Engiadina Bassa», kurz CSEB, lancierte 2011 das Projekt «Nationalparkregion – Gesundheitsregion». Das langfristig angelegte, regionale Entwicklungsprojekt wird im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) unterstützt und hat das CSEB innert weniger Jahre zu einem Vorzeigebetrieb gemacht. Die Tourismusdestination der Engadin Scuol Samnaun Val Müstair (TESSVM) hat daher ganz bewusst ihre Marketingstrategie entsprechend ausgerichtet und in ein Fünf-Säulen-Prinzip gegliedert. Zwei dieser fünf Säulen bestehen zum einen aus Gesundheit und Wellness und zum anderen aus dem Zusammenspiel von Natur und Kultur. Der Schweizerische Nationalpark, die Biosfera Val Müstair oder das Kloster St. Johann in Müstair stehen dabei als Paradebeispiele für «natur- und kulturnahe Erlebnisse» mit Unesco-Label. Die im März 2016 zum vierten Mal stattfindende UNO-Weltwasserwoche gilt über die Region hinaus als Leuchtturm der Wasserpositionierung.

Der Direktor der TESSVM, Urs Wohler, begrüsst die Diskussionen zum Thema Wasser: «Die öffentliche Meinung unterstützt unser Tun.» Einem möglichen Unesco-Label steht Wohler positiv gegenüber: «Dieses Label schafft Orientierung, bürgt für geprüfte Qualität und würde sicherlich mithelfen, höchste Angebotsqualität zu verkaufen.» Als Mitwirkender bei der Erlangung des Unesco-Labels für die RhB kennt Wohler aber auch den langen und kostenintensiven Weg dorthin. «Das Beispiel der RhB zeigt aber eindrücklich, dass die Leute diesem Label sehr wohl nachreisen.»

«Ein Label muss Inhalt haben»

Um der Vision Wasser-Weltnaturerbe näherzukommen, braucht es laut Urs Wohler das Zusammenspiel von Tourismus, Politik und Regionalplanung: «Unsere Erfahrung zeigt, mit Kontinuität und Strategie kann das Thema Wasser zum Schwerpunkt werden und mit der Zeit reif werden.» Den Zusammenschluss der beiden Engadiner DMO’s sieht er momentan aber als wenig realistisch: «Zuvor müssen die jeweiligen Agenden 2030 und die Regionalentwicklung zusammengeführt werden.»

Andrea Gilli ist Regionalplaner der Region Unterengadin Val Müstair. Er sagt: «Ein Wasser-Weltnaturerbe wäre eine Überlegung wert, müsste der Region aber auch wirtschaftlich etwas bringen.» Damit warnt er gleichzeitig vor grossen Investitionen in die Infrastruktur, welche für die Erreichung eines solchen Labels in der Region nötig werden würden. «Das Wasser hat in unserer Region einen grossen Stellenwert und bestehende Unesco-Labels zeigen deren Wichtigkeit», sagt Gilli und fügt an: «Aber ein Label muss vor allem Inhalt haben».

Als «sicher gewinnbringend für das Engadin» betrachtet Britta Ahlden ein entsprechendes Unesco-Label. Sie ist Physiotherapeutin und hat die Geschäftsleitung des Medizinischen Zentrums MTZ Heilbad St. Moritz inne. Wasser ist für sie «der Träger von Gesundheit» und damit gleichbedeutend mit «Leben». Ahlden stellt fest, dass sich die einheimische Bevölkerung allmählich wieder auf die Wasserthematik besinnt und damit an die ursprünglichen Werte und Schätze der Natur. «Unser Wasser birgt ein grosses Potential, welches leider nicht genutzt wird», bedauert sie. Seitens der Destination Engadin St. Moritz bestätigte der Leiter Unternehmenskommunikation, Renato Rivola, die Wichtigkeit des The- ma Wassers. Vieles werde zur Zeit aber im Hintergrund behandelt.

Die aktuelle Online-Umfrage zur Wünschbarkeit oder Notwendigkeit eines Unesco-Wasserlabels für das Engadin ist unter www.engadinerpost.ch weiterhin freigeschaltet. Nutzen Sie die Gelegenheit zur persönlichen Positionierung. Unter der Rubrik «Dossier» sind zudem alle Beiträge der Schwerpunktwoche «Wasser und Gesundheit» zusammengetragen.

Die Region Unterengadin wirbt mit Scuol und seiner 640-jährigen Wellnessdestination.

Die Quellfassung der Mauritiusquelle von St. Moritz wurde gar auf 1411 vor Christus datiert, ist das älteste prähistorische Holzbauwerk Europas und ist aktuell im Paracelsusgebäude ausgestellt. Fotos: Jon Duschletta