«Die Jungen können übernehmen»

Hugo Wetzel war 2003 und 2017 in führender strategischer Position bei der Ski-WM dabei. Welches erste Fazit zieht er? Was hat ihn besonders gefreut, was geärgert? Und was braucht es für die Zukunft? Antworten auf diese Fragen im folgenden Interview.

Engadiner Post: Hugo Wetzel, gut 100 Tage vor dem Start der WM haben Sie in einem Interview mit der EP gesagt, sie könnten am Abend des 19. Februar genau abschätzen, ob die WM aus sportlicher und organisatorischer Sicht gut gelaufen ist. Ihr Kurzfazit?

Hugo Wetzel*: Wir haben im Vorfeld der WM immer gesagt, dass wir gute Leistungen der Schweizer Athleten benötigen und dazu noch gutes Wetter. Wir hatten beides. Deshalb kann ich heute sagen, das war eine Weltmeisterschaft, wie wir sie uns in kühnen Träumen vorgestellt haben. Für mich persönlich ist sehr befriedigend, dass sie zu einer Schweizer Weltmeisterschaft geworden ist und nicht zu einer reinen St. Moritzer WM.

Teilen Sie die Einschätzung: In vielen Punkten ist es wie 2003 gelaufen: Nach einem ruhigen Start ist rasch die grosse Euphorie ausgebrochen?

Absolut. Ich selber habe damit gerechnet. Eine WM ist ein Kaltstart. In den ersten beiden Tagen zeigt sich, ob die erarbeiteten Konzepte tatsächlich greifen. Und wir können jetzt feststellen: Ja, die Konzepte haben gegriffen, auch wenn da und dort nachjustiert werden musste. Nach zwei Tagen hatten wir in der Organisation eine ruhige Hektik. Und genau so muss es sein.

In welchen Punkten wurden die Erwartungen übertroffen?

Ich möchte da nicht einzelne Punkte herausstreichen. Ganz allgemein hat mich die Leistung der Voluntari, des Militärs und des Zivilschutzes extrem beeindruckt. Was die geleistet haben, bei teils sehr schwierigen Verhältnissen, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Am mittleren Wochenende hatten wir Leute, die praktisch 24 Stunden auf den Beinen waren. Ein Riesenkompliment an alle!

Es gab und gibt auch Kritik: Die Eröffnungsfeier, der Handel, der Umsatzeinbussen beklagt, Zuschauer, die im Kulm Park nichts gesehen haben. Ist die Kritik berechtigt?

Wir nehmen das sehr wohl zur Kenntnis. Die Kritik, das man im Kulm Park kaum etwas gesehen hat, ist berechtigt. Bildschirme kosten relativ viel Geld, und in einer der Budgetrunden sind sie gestrichen worden. Jetzt, im Nachhinein, müssen wir klar sagen, das war ein falscher Entscheid. Bei der Eröffnungsfeier haben wir St. Moritz ganz bewusst zurückgenommen. Wir haben diese Feier mit einem bescheidenen Budget gestaltet und aus meiner subjektiven Sicht das Optimum herausgeholt. Mehr Geld haben wir in das Skimonument Edy investiert. Da hat sich jeder Franken gelohnt, Edy ist zur Ikone dieser WM geworden.

Und der Handel? 2003 war die Kritik auch schon da.

Es gibt auch sehr positive Stimmen aus dem Handel, die muss man auch wahrnehmen. Dass es während den zwei WM-Wochen für verschiedene Geschäfte schwierig werden wird, war im Vorfeld bereits klar. Den lauten Kritikern muss ich einfach sagen, dass zwischen der WM 2003 und der WM 2017 über 700 Wochen lagen, in denen gute Geschäfte gemacht werden konnten. Aber schauen wir doch einmal die Einschaltquoten beim Fernsehen an: Am Samstag bei der letztlich abgesagten Herren-Abfahrt waren in Österreich 1,6 Millionen Zuschauer an den Bildschirmen, in der Schweiz ebenfalls Rekordeinschaltquoten. Das Engadin konnte sich dreieinhalb Stunden von seiner schönsten Seite präsentieren, trotz Absage. Das sind Werte, die dem Ladenbesitzer zwar nicht direkt und sofort Geld in die Kasse bringen, von denen aber auch er mittel- und längerfristig profitieren wird.

Zu reden gegeben haben im Vorfeld die Finanzen. Der Kreis und der Kanton haben einen Nachtragskredit gesprochen. Können Sie heute schon abschätzen, wie die WM finanziell abschliessen wird.

Nein. Das ist zu früh. Wir können heute die Einnahmen abschätzen. Diese liegen im Rahmen des Budgets, tendenziell etwas höher. In gewissen Bereichen hat es auch mehr Ausgaben gegeben. Wir haben im Vorfeld in straffen Budgetrunden ca. drei Millionen Franken eingespart. In den ersten zwei Tagen hat sich gezeigt, dass da und dort doch etwas mehr hätte investiert werden müssen, also gibt es auch Mehrkosten. In anderen Bereichen konnte eingespart werden, die Schneeräumung beispielsweise war in der zweiten Woche zum Glück kein Thema mehr. Bis wir konkretere Zahlen veröffentlichen können, dauert es ein halbes Jahr.

Der Blick zurück auf die beiden WM-Wochen ist einerfreulicher, der Blick in die Zukunft in Sachen Grossanlässe weniger. Olympia ist abgelehnt, und eine Ski-WM wird die nächsten 30 Jahre nicht mehr nach St. Moritz kommen.

Im Augenblick ist das leider so. Olympia ist ein sport-, gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Impulsprogramm, das klar aufzeigt, was man erreichen könnte. Ob man das will oder nicht, ist jedem selber überlassen. Nur: Es gibt keine gleichwertige Alternative dazu. Und das stimmt mich bedenklich. Wirtschaftspolitisch ist der Kanton im Rückwärtsgang. Ebenso gesellschaftspolitisch: Die Entwicklungsmöglichkeiten für unsere Jugend wachsen nicht. Dass in dieser Situation nicht einmal die Chance gegeben wird, eine Kandidatur zu prüfen, enttäuscht mich. Und zwar als Präsident der Tourismusorganisation, aber auch als Präsident der WM-Organisation, der weiss, das wir Olympia machen könnten.

Und die WM, die die nächsten 30 Jahre nicht nach St. Moritz kommen wird, ist das in Stein gemeisselt?

Ich bin seit 37 Jahren im Tourismus strategisch aktiv. Darum weiss ich: In Stein gemeisselt ist nichts ...

... aber Swiss-Ski hat vor zwei Jahren schon gesagt, dass als nächstes Crans-Montana an der Reihe ist ...

... ja, aber damals war Olympia noch kein Thema. Es bringt wenig, jetzt Spekulationen anzustellen. Wir haben mit der WM sichergestellt, das eine neue Generation da ist, die jetzt übernehmen kann. Wir haben Junge, die fähig sind, die kommenden Weltcup-Rennen durchzuführen, aber auch andere Grossanlässe. So gesehen bin ich sehr zuversichtlich. Sind wir aber auch in der Lage, diese Chance wahrzunehmen? Dafür muss auch die Bevölkerung mitziehen. Wir dürfen nicht in der Defensive verharren, das wäre das Schlimmste. Wir müssen agieren, und Grossanlässe bieten dazu Riesenchancen. St. Moritz ist gross geworden dank den Anlässen. Da müssen wir unbedingt dranbleiben und nicht unseren grössten Mitbewerbern ein Spielfeld öffnen.

Offensiv sein tönt gut. Aber Olympia ist weg, die WM in naher Zukunft kein Thema, was stattdessen?

Das kann ich heute noch nicht sagen. Ich weiss aber, dass es gewisse Vorstellungen gibt, vor allem auch bei den jungen Leuten. Nach der WM 2003 haben wir geschickt agiert, und bevor jemand aufgewacht ist, haben wir gesagt: Wir machen es noch einmal. Aber das geht so nicht mehr. Andere Orte in der Schweiz haben diese WM sehr genau verfolgt. Und sie werden zum Schluss kommen, so etwas muss man machen. Andere sind auch in den Startlöchern, nicht nur Crans-Montana. Ich habe Angst, dass wir jetzt in eine Art Schockstarre verfallen. Mut macht mir, dass wir gute, junge Leistungsträger haben, die innovativ sind. St. Moritz hat eine Zukunft, davon bin ich trotz allem fest überzeugt. Es ist ein stabiles Fundament da, und zu diesem durfte die WM auch etwas beitragen. Auf dem lässt sich etwas aufbauen. Aber packen wir die Chance!

Melancholischer Blick zurück? WM-Präsident Hugo Wetzel bei der Abschluss-Pressekonferenz. Foto: Reto Stifel