«Die Voluntari waren das Herz»

Die alpine Ski-Weltmeisterschaft 2017 fand in der Heimat des FIS-Präsidenten Gian Franco Kasper statt. Der St. Moritzer ist erfreut über den Ablauf der Titelkämpfe. Und ist bereits unterwegs zur Nordischen Ski-WM in Lahti. Mit Dopingfragen als Begleitung.

Herr Kasper, welchen Eindruck haben Sie von dieser Ski-Weltmeisterschaft gewonnen?

Gian Franco Kasper: Einen hervorragenden, sowohl organisatorisch wie logistisch. Man kann dem OK wirklich nur ein Kompliment machen. Ein besonderes Lob gilt den Voluntari, die waren das Herz und die Seele dieser WM. Das Publikum war extrem sportlich, etwas, das man leider nicht überall sieht. Dass man ins Zielgelände hinaufgehen musste, hatte auch seine Vorteile, die anderenorts sichtbaren Alkoholexzesse blieben dadurch aus. Für die Beschaffenheit der Pisten ist das Menschenmögliche getan worden, sie waren sehr gut präpariert. Natürlich gibt es immer einzelne Fahrer, die nicht zufrieden sind und sich beschweren. Es war eine erfreuliche Weltmeisterschaft, fast perfekt. Natürlich gibt es immer Kleinigkeiten, die man noch besser machen könnte. Das mit dem Unfall bei der Flugshow war natürlich nicht gut, es ist mir auch ein Rätsel, wie das passieren konnte. Aber das müssen die Untersuchungsbehörden von Armee und Polizei abklären und beurteilen.

Sie haben gesagt, dass es für Sie in der eigenen Heimat St. Moritz schwieriger sei, eine Beurteilung vorzunehmen ...

Es ist tatsächlich schwieriger. Ich habe immer das Gefühl, ich sei mitschuldig, wenn etwas nicht stimmt. Das ist normal.

Wie beurteilen Sie den Abfahrts-Super-Sunday?

Das war sehr positiv, eine Riesenarbeit für die Organisatoren, aber auch für das Fernsehen. Man hat das wirklich sehr gut hinbekommen.

Im März 2016 beim Weltcup-Finale in St. Moritz haben Sie uns gegenüber vom Abwärtstrend im alpinen Skisportes gesprochen. Sehen Sie das heute, elf Monate danach, immer noch gleich?

Ein Abwärtstrend im Skisport ist vor allem in Mitteleuropa da. Weltweit ist es nicht so. Die asiatischen Staaten, insbesondere China, drängen nach vorne. In China gibt es zurzeit rund 300 Skiorte, in zweieinhalb Jahren werden es 5000 Skiorte sein. Das ist enorm. Dann werden auch die TV-Einschaltquoten astronomisch nach oben gehen. Aber es ist klar, der Wintertourismus in den Kernländern geht zurück. Das hat auch mit der Angst vor dem Klimawandel zu tun. Ich betone, mit der Angst.

Graubünden hat vor Wochenfrist einen Kredit für Kandidaturkosten für Olympische Winterspiele 2026 klar abgelehnt. Unter den Gemeinden, die Nein sagten, war eher überraschend auch St. Moritz, das mit rund 57 Prozent der Stimmen Olympia seine Absage gab. Ihr Statement zu diesem Ergebnis hat einigen Wirbel ausgelöst ...

Mir persönlich war seit Längerem klar, dass die Kandidatur Graubünden beim Volk keine Chance hat. Was mich aber persönlich sehr enttäuscht hat, sind die 57 Prozent-Nein-Stimmen der St. Moritzer. Und das mitten in der Ski-Weltmeisterschaft, welche ein sportpolitisches Hoch sein sollte. Ich weiss nicht, was die Nein-Stimmenden gedacht haben, St. Moritz hätte von einer Kandidatur nur profitiert. Aber das Volk hat entschieden, und für mich ist die Sache damit erledigt.

Gian Franco Kasper, Sie sind IOC-Mitglied, hätte eine Schweizer Kandidatur für 2026 überhaupt eine Chance?

Das wird sich zeigen. Es kommt darauf an, welche Kandidaten zur Auswahl stehen. Offizielle Kandidaturen gibt es noch gar nicht, persönlich rechne ich aber mit fünf bis sechs. Es wird sich zeigen, ob die Schweiz im April zur Kandidatur Ja sagt, die Anmeldefrist läuft nach der Vergabe der Sommerspiele 2024 im Spätsommer aus. Sicher ist beispielsweise, dass zwei kanadische Bewerber Interesse haben.

Zurück zur WM. In der letzten Woche kursierte in St. Moritz das Gerücht, dass es künftig jedes Jahr eine Ski-Weltmeisterschaft geben solle. Ist da was dran?

Das ist mir absolut neu. Ich fände es auch nicht gut, jedes Jahr eine WM durchzuführen. Der Titel würde für den einzelnen Athleten abgewertet. Und da wir alle vier Jahre Olympische Spiele haben, ist ein solches Ansinnen sinnlos. Wir haben zudem schon genug Rennen im Weltcup.

Am Sonntag ist die alpine Ski-WM zu Ende gegangen, nun fliegen Sie nach Lahti zur Nordischen Ski-WM. Dort wird die Diskussion um den McLaren-Report über die russischen Langläufer weitergehen. Wie stehen Sie dazu?

Wir haben als FIS sehr schnell reagiert, zweieinhalb Stunden, nachdem das IOC die Fälle aufgegriffen hat. Die sechs russischen Langläufer, die auf der Liste von Sotschi standen, haben wir suspendiert. Wir bewegen uns allerdings auf dünnem Eis, die Frage stellt sich, ob die vorliegenden Beweise juristisch haltbar sind. Die Sache ist nun vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne. Die Frage ist, ob das CAS noch vor Beginn der Langlaufwettbewerbe entscheidet. Wahrscheinlich nicht, womit die sechs gesperrt bleiben. Sollten sie später freigesprochen werden, kann das für die FIS eine teure Angelegenheit werden ...

Die Frage stellt sich, ob sich der internationale Langlauf angesichts der vorhandenen Dopingproblematik noch richtig entwickelt?

Dem Langlaufsport geht es eigentlich gut, er entwickelt sich positiv. Der Langlauf ist auch ein Volkssport, denken wir beispielsweise an den Engadin Skimarathon. Die Tour de Ski ist eine gute Sache, sie hat den Spitzenlanglauf weitergebracht. Im Allgemeinen kommen wir mit dem Langlauf gut voran.

Die wahrscheinlich für Sie schon übliche Frage zum Abschluss: Kandidieren Sie bei den Wahlen 2018 nochmals als FIS-Präsident?

Ich bin gewählt bis 2018 und werde mich rechtzeitig entscheiden, ob ich weitermachen will. Eine erneute Kandidatur hängt auch von der Gesundheit ab.

Der St. Moritzer Gian Franco Kasper ist FIS-Präsident. Foto: fotoswiss.com/Giancarlo Cattaneo