Moritz meint

VIP und nicht VUP

Haben Sie während den letzten beiden Wochen nicht ab und zu etwas neidisch zum grossen, zweistöckigen Glastempel im Zielgelände rübergeschaut? Dem Gebäude, wo Milch und Honig fliessen müssen, wo man die Goldfahrten von Feuz, Holdener und Aerni zwischen Hauptgang und Dessert verspeist? Ich wardort. Ja, einen Tag lang durfte ich VIP sein. Nur für die, die es nicht wissen: VIP sind Very Important Persons. Also gemäss Wikipedia sehr wichtige Personen. Staatsoberhäupter, Regierungschefs, wichtige Arbeitgeber, Politiker, hochrangige Offiziere, Sportler und eben Chefredaktoren. Wobei von letzter Gattung habe ich niemanden getroffen. Auch keine Regierungschefs oder Staatsoberhäupter. Dafür die Oberengadiner Gemeindepräsidenten. Immerhin. Roger Federer war dort und Doris Leuthard und Guy Parmelin und Ueli Maurer. Und ich. VUP übrigens hat mir Redaktionskollege J. nachgerufen, als ich mich frühmorgens nach Salastrains aufmachte. VUP – Sie ahnen es – heisst Very Unimportant Person. Da kann ich müde lächelnd ein deutsches Sprichwort zitieren: «Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung», mein lieber J. Nun, es war fantastisch. Sechs Stunden lang an nichts denken, einfach geniessen. Das hellgrüne VIP-Armbändeli ums linke Handgelenk macht es möglich: Nirgends warten, zuvorkommende Betreuung, beste Sicht aufs Rennen, geschmacksvolles Interieur, eine wunderbare Sonnenterrasse und ein Buffet, welches keine Wünsche offen lässt. Auf eine detaillierte Beschreibung des Angebotes verzichte ich an dieser Stelle. Sie wissen schon Kollege J. und der Neid ... Ich durfte übrigens neben der chinesischen Generalkonsulin sitzen (vis-à-vis von mir war meine Göttergattin, nur dass das auch erwähnt ist). Und sie hat mich wiedererkannt! Die Generalkonsulin, meine ich. Ich habe sie vor einem halben Jahr auf der Diavolezza interviewt. Nun, es soll nicht überheblich tönen, aber man kennt sich eben unter VIPs ... Sie hat mir beigebracht, wie man Basmatireis mit Stäbchen isst und mir gleich ein Set geschenkt. Edel, in einem Holzschächtelchen verpackt. Zum Üben wahrscheinlich. Denn die Generalkonsulin hat mich gleich auch noch zum Empfang nächstes Jahr anlässlich des chinesischen neuen Jahrs in Zürich eingeladen. Als VIP werden ich dort selbstverständlich hingehen. Nur Kollege J. werde ich es nicht sagen. Sie wissen schon ...