Naturschutzgebiet mit Asphalt und Beton

Der SNP ist auch «Kompromisszone» zwischen Natur- und Zivilisationsraum

Der Schweizerische Nationalpark ist nicht einfach «Natur pur». Er war von Anfang an Ziel unterschiedlichster Ansprüche.

Der Schweizerische Nationalpark (SNP) umfasst keine ursprüngliche Wildnis. Die Spuren früherer Nutzungen sind an vielen Stellen noch erkennbar. Trotz seines Status als «striktes Naturreservat» gemäss Internationaler Naturschutzunion IUCN konnten auch nach der Parkgründung nicht alle menschlichen Einflüsse auf den 170 km² Fläche vermieden werden. Selbstredend sind diese Infrastrukturbauten den Naturschützern ein Dorn im Auge, lassen sich aber grösstenteils nicht einfach aus der Welt schaffen. Teils sind sie erst nach der Unterschutzstellung des Gebiets entstanden, teils waren sie schon vor der Gründung des SNP da. Hans Lozza, Naturwissenschafter und Mediensprecher des SNP, ist einer der Wissenschafter, die sich mit diesem Phänomen auseinandergesetzt haben. In einem Artikel im SNP-Atlas hält er fest, dass Reste von Bergbauanlagen, Kalkbrennöfen, Kohlemeilern sowie historische Lawinenverbauungen klar auf frühere menschliche Aktivitäten verweisen – ganz zu schweigen vom Gut «Il Fuorn», das 1490 erstmals urkundlich erwähnt wurde und heute noch als Hotel und Restaurant dient.

Viel genutzte Verkehrsinfrastruktur

Die augenfälligste und folgenschwerste Infrastrukturbaute, die sich mitten durch das Schutzgebiet hinzieht, ist aber die Ofenpassstrasse. Sie durchschneidet auf einer Länge von knapp zwölf Kilometern das Herzstück des SNP. Wohl gab es zu Gründerzeiten bereits einen Verkehrsweg, der das Engadin mit dem Val Müstair verband. Doch wurde diese unbefestigte Strasse noch lange nicht so stark befahren, wie dies heute der Fall ist. Ab dem Jahre 1925 sollte sich dies bald ändern, als mit der Aufhebung des Automobilverbots die Pferdekutschen von der Bildfläche verschwanden und die Strasse in der Folge für den Verkehr ständig verbreitert und asphaltiert wurde. Der Verkehr auf der Ofenpassstrasse nahm nach der Eröffnung des Munt-la-Schera Tunnels 1970 nochmals markant zu. Zwar sollte dieser 3,4 Kilometer lange Tunnel nach der Fertigstellung der Kraftwerkanlagen gesperrt werden, doch diese Abmachung ging aufgrund anderer politisch-gesellschaftlicher Prioritäten «vergessen»: Der Munt-La-Schera-Tunnel ist Teil der wichtigsten Erschliessungsstrasse für Livigno, vorab im Winter, wenn es keine andere Strassenverbindung ins italienische Zollfreigebiet gibt. «Dieser Tunnel hat sich als schwere Hypothek für den Schweizerischen Nationalpark erwiesen», sagt Hans Lozza. Lärm und Gestank lassen die vielen Fahrzeuge zurück, 2011 waren es rund 300 000, welche die Zollstation bei Punt la Drossa auf dem Weg nach oder von Livigno passierten, Tendenz steigend. Zu den Emissionen gesellen sich auf der Passstrasse Spuren des Streusalzes. Die wichtige Verkehrsachse ins und vom Val Müstair wird schwarzgeräumt. Untersuchungen haben gezeigt, dass die NaCl-Konzentrationen beidseits der Strasse erhöht sind und die Rückstände durch den Wind bis zu 40 Meter weit weg von der Trasse verfrachtet werden.

Staumauern, Tunnel, Druckstollen

Das Gesicht des Schutzgebietes wurde und wird nicht nur durch die Ofenpassstrasse und den Munt-la-Schera Strassentunnel mit bestimmt, es gab mit der Erstellung der Kraftwerksanlagen in den 1960er-Jahren weitere Infrastrukturbauten, welche die Wildnis des SNP «zähmten»: Die 73 Meter hohe Bogenstaumauer bei Ova Spin, die noch höhere und viermal längere Bogenstaumauer bei Punt dal Gall, samt Stausee und der weiteren Infrastruktur, die es für die Wasserkraftnutzung braucht. Bauten aus der Neuzeit, die aber erst mit neuen Verträgen aus dem Jahre 1920 möglich wurden, als die Gemeinde Zernez dem SNP das Gebiet Falcun für die Wiederansiedlung von Steinböcken abtrat, im Gegenzug aber von der Eidgenossenschaft zugesichert bekam, einer etwaigen Stauung des Spöl-Bachs für die Stromgewinnung stünde nichts im Wege…

Die Wasserkraftwerksanlagen und die Verkehrswege sind die schwerwiegendsten zivilisatorischen Eingriffe in das Schutzgebiet des SNP. Neben diesen Infrastrukturbauten nehmen sich andere Spuren menschlicher Aktivität wie Stacheldrahtresten der Armee oder uberflüssige Wanderwegzeichen schon fast niedlich aus.

Diese kleinen «Altlasten» konnten sukzessive entfernt werden. Wie übrigens die Einführung des GPS-gestützten Infosystems etliche Hinweisschilder im SNP überflüssig machte. Doch mit den gewichtigsten menschlichen Spuren wird der SNP sich auch künftig abfinden müssen: «Es gab viele politische Anläufe, Livigno von anderswo her per Tunnel zu erschliessen. Diese Versuche sind bisher alle, wohl aus finanziellen Gründen, fehlgeschlagen», sagt Hans Lozza.