Schaufel und Pickel statt Marend im Rucksack

Der Frühling ist da und der Nationalpark erwacht aus dem Winterschlaf. Damit kommt auf die Parkwächter eine Menge Arbeit zu: Vom Betonieren bis hin zum Steinbock-Einfangen.

Frühmorgens unterhalb der Zollstation La Drossa: Neben dem Vogelgezwitscher und dem Gurgeln des Baches ist ein Kratzen und Schaufeln zu vernehmen. Not Armon Willy, Curdin Eichholzer und Andri Cuonz, Parkwächter des Schweizerischen Nationalparks (SNP), sind mit Schaufeln, Pickel und Rechen bestückt unterwegs, um das Wegnetz wieder in Stand zu stellen. «Erstbegehung», scherzt Cuonz, «wir wissen nicht, was uns nach dem Winter alles erwartet.» Ein Erdrutsch, der den Weg verschüttet hat, ein Baum, der das Weitergehen verhindert... alles ist möglich. Die gesamthaft acht Parkwächter haben zurzeit alle Hände voll zu tun: die Brutstellen der Bartgeier überprüfen, Administration, «letzte Woche haben wir an einem Tag neue Hinweistafeln einbetoniert und am nächsten Tag mussten wir einen Steinbock einfangen», erzählt Eichholzer. Denn auch das Besendern der Tiere gehört momentan zu ihren Hauptaufgaben. «Das muss jetzt geschehen, bevor die Tiere ihre Jungen bekommen», so Cuonz. Wie viele und welche Tiere die Wächter einfangen und mit einem Senderhalsband versehen müssen, hängt von den laufenden Forschungsprojekten des SNP ab. Etwa zwei Jahre behalten die Tiere das Halsband an, dann geht die Batterie langsam zu Ende. Neu fallen die Bänder dann von alleine und haben gerade noch so viel Akkuleistung, dass sie von den Parkwächtern geortet und eingesammelt werden können. «So müssen wir die Tiere nicht noch einmal einfangen», so Willy, und schubst mit seiner Schuhspitze einen kleinen Zweig aus dem Weg.

Keine «Schönheitskorrekturen»

 

Ein Wegstück wurde von einem kleineren Erdrutsch verschüttet. Willy und Cuonz packen je eine Schaufel, legen den Weg wieder frei, Eichholzer erledigt mit dem Rechen die Feinarbeit. So viel wie nötig, so wenig wie möglich; das ist die Weisung, an die sich die drei halten. «Wenn Äste oder Steine den Weg versperren oder den Besuchern auf dem Weg gefährlich werden könnten, räumen wir sie weg», sagt Willy. «

Schönheitskorrekturen» sind nicht zulässig. «Nur die Wege müssen picobello passierbar sein. Schliesslich dürfen die Besucher diese nicht verlassen.»

Die Arbeit der Parkwächter ist körperlich: Die Hände staubig, einige Steine haben kleinere blutige Spuren hinterlassen – und doch lieben die drei ihren Job. «Die Vielseitigkeit ist spannend. Jeder Tag ist anders, wir bleiben höchstens eine Woche an einer Arbeit, bevor die nächste kommt», so Eichholzer. Dazu kommt die Kollegialität. «Wir arbeiten oft zu zweit oder zu dritt. Im Sommer ist man auf den Kontrollgängen dann oft tagelang alleine unterwegs», so Willy. Das sei dann schon anders, aber auch schön. Die Einsamkeit in der Natur schätzt auch Cuonz; vor allem im Winter, wenn er mit den Skiern durch den verschneiten und für die Öffentlichkeit geschlossenen Park gehen muss. «Dann gehört er nur uns.» So wie letzte Nacht...

Lange Nächte, strenge Tage

 

Der Arbeitstag zuvor war für Cuonz und Eichholzer ein ziemlich langer. Bis morgens früh um zwei Uhr waren sie im Park unterwegs – Hirsche zählen. 117 Stück haben sie zwischen Ova Spin und Buffalora gezählt, 75 alleine rund um das Hotel «Il Fuorn». Auch das Monitoring der Tiere gehört zu den Aufgaben der Parkwächter, genau so wie die Wildhüterarbeiten, wenn beispielsweise ein Tier auf der Ofenpassstrasse angefahren wurde. «Aus diesem Grund haben wir praktisch alle die Ausbildung zum Wildhüter mit eidgenössischem Fachausweis gemacht», so Cuonz. Das sei zwar nicht obligatorisch, aber empfehlenswert. Ansonsten muss ein Berufsaspirant eine abgeschlossene Lehre haben, gebirgstauglich sein und die Jagdprüfung besitzen.

Inzwischen haben die drei ihren Arbeitsplatz gewechselt. Nun ist der Weg entlang des Spöls zwischen der Staumauer Punt dal Gall und der Zollstelle La Drossa dran. Mit zügigem Schritt gehen sie voran, die imposante Staumauer im Rücken. Ein paar kleine Steine oder Zweige kicken sie vom Weg – der nach dem Winter überraschend gut erhalten aussieht. «Wenn der Boden, wie letztes Jahr, vor dem ersten Schnee gefriert, gibt es weniger zu machen», so Eichholzer. Kaum gesagt, versperrt ihnen hinter der nächsten Beuge ein Rutsch von grossen Steinen und Wurzeln den Weg. «Mal schauen, was wir da machen können», meint Willy und zieht am Stein. Nichts bewegt sich. Cuonz und Eichholzer schliessen sich an, stemmen, stossen und zerren am grössten der Brocken. Nach etwas Schaufelarbeit gelingt es ihnen – das Felsstück landet mit einem grossen «Platsch» im Spöl. Zufrieden wischen sich die drei die Hände ab. Langsam ist Mittagszeit und natürlich haben sie neben den Werkzeugen auch die wohlverdiente Marend im Rucksack.

Jede Jahreszeit hat seine typischen Arbeiten. Im Frühling muss vor allem das Wegnetz aufbereitet werden. Im Winter ist es etwas ruhiger.

83 Kilometer Wegnetz müssen die acht Parkwächter im Frühling ablaufen und sicherstellen, dass die Pfade für die Besucher des SNP gut passierbar sind. Fotos: Alexandra Wohlgensinger