Eine sinnvolle Investition oder ein finanzielles Abenteuer?

Gian Gilli gegen Jost Falett

Pro-Seite

Die Durchführungskosten für Olympische Winterspiele sind gut beherrschbar. Anders die Investitionen: Sie führten in der Vergangenheit zu Budgetüberschreitungen. In der Schweiz wird das aber nicht passieren, denn die Parlamente behalten die Kontrolle. Graubünden 2022 ist eine Investition in die Zukunft dieses Kantons und seiner jungen Generation - Olympische Spiele sind alles andere als ein finanzielles Abenteuer. Die Durchführung der Spiele 2022 ist mit unserem Budget gut abgesichert. Der Bundesrat will eine Milliarde Franken an die Durchführungskosten beitragen, zusammen mit den Einnahmen von 1,5 Milliarden werden wir mit ausgeglichener Rechnung abschliessen können. «Geht nicht!», rufen die Gegner: seit 1960 hätten alle Spiele ihre Budgets überschritten. Das mag sein, wenn man das oben erwähnte Durchführungsbudget mit dem Investitionsbudget vermischt.
Im Investitionsbudget sind die Anlagen und Bauten der Infrastruktur enthalten, die wir langfristig benötigen und weit über 2022 hinaus einsetzen werden. Hier entstanden in der Vergangenheit tatsächlich Budgetüberschreitungen. In der Schweiz wird das aber nicht passieren; allein die Parlamente von Bund und Kanton beschliessen, ob Eisenbahnstrecken verbessert, Umfahrungsstrassen gebaut oder zusätzlich zu den heute bekannten Investitionen weitere Projekte realisiert werden. Die Finanzhoheit der Parlamente wird nicht angetastet: weder das IOC noch das lokale OK werden hier das Sagen haben.
In der Hand des lokalen OK werden die heute so kontrovers diskutierten Durchführungskosten liegen. Sie waren aber kaum je ein Problem; die Endabrechnungen der letzten Winterspiele waren ausgeglichen und zeigten sogar einen kleineren Gewinn. So gross diese Zahlen sind, so klein ist hier also das Budgetrisiko.
Fragt sich, ob wir uns das alles leisten können und sollen? Wir können. Der Beitrag des Bundes entspricht - von 2015 bis 2022 - gerade einmal zwei Promillen des Bundesbudgets und der Kanton nimmt seinen Beitrag aus Mitteln, die er schon in der Kasse hat. Es drohen also weder eine Verschuldung noch eine Steuererhöhung.
Wer an die Zukunft von Graubünden glaubt, muss auch «Ja» sagen zu Investitionen. Denn nur ein Kanton, in den man investiert, bleibt ein guter Kanton zum Leben. Graubünden 2022 ist mehr als eine Finanzvorlage und mehr als 16 Tage Rummel. Die Spiele werden die Qualität unserer Infrastruktur auf Jahrzehnte verbessern. Olympische Spiele sind kein finanzielles Abenteuer - sie sind eine Investition in die Zukunft, in mancherlei Hinsicht.

Kontra-Seite

Eine sinnvolle Investition? für wen? Für den Tourismus? Selbst das Wirtschaftsforum GR sagt: «Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass im Schweizer Markt kein wesentlicher langfristiger Olympia-Effekt für den Tourismus erwartet werden darf, da die Orte bereits bekannt und der Markt weitgehend gesättigt ist.» Dies hatte auch Swiss Olympic vor vier Jahren festgestellt und deshalb auf eine Kandidatur 2018 verzichtet. Tourismus-Experten wie Prof. H.R. Müller sagen, die Image-Wirkung von Olympischen Spielen werde immer wieder überschätzt. All die Olympia-Baustellen in den Jahren vor und nach den Spielen sind für den Sommertourismus im Oberengadin kaum attraktiv.
Sinnvolle Investition für die Sportinfrastruktur? Im Oberengadin bleibt nach Olympia als zusätzliche Sportinfrastruktur nur die Trainingshalle in Samedan bestehen. Ist es sinnvoll, für über eine Milliarde auf- und wieder abbauen - vier Mal die Kosten des neuen Albulatunnels - und das für 17 Tage? Neue Arbeitsplätze für unsere Jugend? Salt Lake City hat einen Sechstel der prognostizierten Arbeitsplätze gebracht und Lillehammer gerade 300. Im Oberengadin haben wir schon heute Mühe, auch qualifizierte Arbeitsplätze zu besetzen, auch im Tourismus. Um unsere Jugend im Tal zu behalten, brauchen wir nicht Olympia, sondern bezahlbaren Wohnraum.
Ein finanzielles Abenteuer? Die Olympische Charta ist eindeutig: Die letzte Entscheidung liegt immer beim IOC und das IOC übernimmt keine finanzielle Haftung. Die Dimension von Olympia wird durch das IOC bestimmt - die finanziellen Risiken bleiben bei den Steuerzahlenden. Nach einem Ja am 3. März verhandeln die Promotoren mit dem IOC - dies wird Anpassungen des Dossiers ergeben. Und auch nach der Vergabe geht der technische Fortschritt im Sport weiter. Für die Ski-WM 2017 hat sich das Investitionsbudget, bedingt durch den technischen Fortschritt, bereits verdoppelt. Weder das IOC noch St. Moritz werden die Olympischen Spiele 2022 auf dem technischen Stand von 2013 durchführen wollen. Wer bezahlt's? Avenir Suisse verlangt eine griffige Analyse, wer wie viel bezahlt und wer wie viel gewinnt. Das IOC verlangt eine Defizitgarantie des durchführenden Staates. Der Kanton Graubünden schliesst diese aus und der Bundesrat will bei Mehrkosten über einer Milliarde die Kandidatur zurückziehen. Gemäss Andreas Wieland, ehemaliger Präsident von Graubünden Ferien, wäre dies ein furchtbarer Image-Schaden und ein Glaubwürdigkeitsproblem, ein Olympia-Poker. Abenteuer können reizvoll sein - aber auch teuer.