Graubünden 2022 gibt die Marschrichtung vor

Leitartikel Es gibt Gründe gegen Olympische Winterspiele in Graubünden. Die besseren aber sprechen für eine Kandidatur. Weil das erarbeitete Konzept die Kraft hat, eine neue Marschrichtung vorzugeben.

Ein Thema hat in den letzten zwölf Monaten in Graubünden bewegt: Die Idee, Olympische Winterspiele nach 1928 und 1948 wieder in der Schweiz durchzuführen. Die Promotoren haben keinen Aufwand gescheut, um darlegen zu können, dass das Konzept der bescheidenen Spiele in den Bergen finanzierbar, ökologisch vertretbar und nachhaltig durchführbar ist. Die Gegner argumentieren mit der Erfahrung früherer Spiele: Zu teuer, ökologisch unsinnig und nie und nimmer nachhaltig. Ob Olympia tatsächlich in die Schweiz zurückkehren soll, ist zur Glaubensfrage geworden. Was sind lediglich Behauptungen, was erhärtete Fakten? Eine Antwort darauf zu finden, ist nicht einfach, wird aber darüber entscheiden müssen, ob Olympia auch nach dem 3. März ein Thema bleibt.

Das IOC muss Farbe bekennen

Es gibt Gründe, gegen eine Kandidatur zu sein. Ob das Internationale Olympische Komitee (IOC) tatsächlich bereit ist, der schon vor über zehn Jahren beschworenen Abkehr vom Gigantismus endlich auch Taten folgen zu lassen, ist fraglich. Letztlich verdienen sehr viele Leute sehr viel Geld mit diesem Anlass und kleinere Spiele werden auch zu tieferen Einnahmen führen. Die Vergabe nach Vancouver (2010), Sochi (2014) und Pyeongchang (2018) lässt keinen Richtungswechsel erkennen.
Genau bei diesem Punkt aber hakt die Kandidatur St. Moritz/Davos ein. Mit einem Konzept, das quer in der Landschaft liegt, das zum Nachdenken zwingt und vom IOC eine klares Bekenntnis verlangt: Wenn weniger Gigantismus mehr sein soll als ein reines Lippenbekenntnis, muss das IOC Ja sagen zu Spielen, die wieder dort stattfinden wo sie hingehören: In den Bergen, im Schnee, in den Zentren des Wintersports. Will das IOC nichts davon wissen, gibt es keine Schweizer Kandidatur. Basta. Der Reputationsschaden für das IOC wäre enorm. St. Moritz und Davos könnten schon alleine mit dem «anderen» Konzept imagemässig punkten.

Sport, Jugend, Finanzen

Es gibt viele gute Gründe, für eine Kandidatur zu sein, drei seien hier kurz erwähnt. Erstens der Sport. Grossanlässe wie Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele haben nachweislich dazu geführt, dass nationale Sportförderungsprogramme lanciert worden sind. Und zwar nicht nur für den Spitzensport, auch der Breitensport - und damit wir alle - werden profitieren. Ein entsprechendes Projekt im Bereich J+S ist im NIV-Bericht bereits konkretisiert und kann bei einem Ja sofort gestartet werden.
Zweitens die Jugend. Sie braucht Perspektiven, um in den Bergtälern zu bleiben oder später einmal dorthin zurückzukehren. Perspektiven heisst vor allem gute Ausbildungsmöglichkeiten und interessante Jobperspektiven. Da kann Olympia viel bewirken. So könnte beispielsweise ein Kompetenzzent-rum aufgebaut werden, das sich auf die Organisation nachhaltiger Grossanlässe spezialisiert. Oder das nationale Schneesportzentrum des Bundes wird dort realisiert, wo 2022 sowieso die ganze Sportwelt hinblickt: In Graubünden.
Drittens die Finanzen. Jeder Unternehmer, der investiert, steht vor der Frage: Was kostet es, was bringt es? Wenn er sich für die Investition entscheidet, geht er ein unternehmerisches Risiko ein. Das ist bei Olympia nicht anders. Die Kosten mögen auf den ersten Blick enorm sein, sie sind aber kalkulierbar. Ausgeblendet wird häufig der Nutzen. Der ist nur teilweise in Franken und Rappen zu beziffern und fällt grösstenteils ideell an. In Form eines guten Images beispielsweise oder einer gestärkten Tourismusmarke. Nicht zu vergessen ist der materielle Gegenwert: Investitionen in Infra-strukturen werden dank Olympia früher oder überhaupt erst realisiert.
Olympische Winterspiele werden nicht das Wundermittel für die Lösung aller Probleme im Kanton sein. Sie können aber dem Kanton und der ganzen Schweiz neuen Schub verleihen. Und das Konzept - und nur dieses - hat die Kraft, eine neue Generation von Grossanlässen einzuläuten.
Noch einmal: Es gibt Gründe, gegen eine Olympia-Kandidatur zu sein. Die deutlich besseren Argumente sprechen aber für ein Ja am 3. März.