«Vertraue deiner Gummisohle!»

Das EP-Team unternahm am Sonntag die erste gemeinsame Bergtour. Bergführer Marcel Schenk führte die sechs Teilnehmer auf den Piz Alv und brachte sie zwischendurch aus dem Gleichgewicht.

Der Gipfel ist nur noch ein paar Meter entfernt. Nebelschwaden umhüllen die Bergsteiger, die sich im Gänsemarsch Schritt für Schritt über das Schneefeld kämpfen. Die Szene sieht aus wie bei einer Himalaya-Expedition. Doch wir befinden uns im Engadin, es ist ein herrlicher Frühsommertag und das EP-Team hat soeben den Piz Alv bestiegen. Ursina und Roman, Oskar und Margit, Mitar und Ursula stehen auf 2975 Metern über Meer. Die Freude über die erste gemeinsame Tour steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Die alpine Wanderung auf den Piz Alv am Berninapass war der erste Test für das EP-Team. Es ging darum, die Trittsicherheit und die Kondition der Teilnehmer zu prüfen. Und darum, sich gegenseitig kennen zu lernen. Die sechs EP-Team-Teilnehmer haben ein Ziel: Ende Sommer über den Biancograt auf den Piz Bernina steigen.

«Heute haben wir 900 Höhenmeter absolviert, auf den Piz Bernina sind es dann 1400 Höhenmeter», erklärt der Bergführer Marcel Schenk und zeigt auf den berühmten Berg, der am Horizont zwischen den Wolkenfeldern aufgetaucht ist. «Beim Bergsteigen ist es wichtig, möglichst effizient zu laufen. Darum ist ein konstanter Rhythmus entscheidend. Ihr müsst in einem Tempo laufen, das ihr stundenlang halten könnt.» Denn beim Piz Bernina warten kurz vor dem Gipfel nochmals technische Schwierigkeiten. Für diese gilt es beim langen Anstieg, Kraft zu sparen.

Über Stock und Stein

Auf den Piz Alv führt kein Wanderweg hoch. Marcel führt das EP-Team querfeldein, über Stock und Stein, durch Geröll- und Schneefelder. Vom Parkplatz der Lagalb-Bahn geht es direkt Richtung Gipfel hoch, sehr steil und alles in unwegsamen Gelände. Im losen Geröll und auf den rutschigen Felsplatten kann man leicht ins Rutschen kommen. «Lauft nicht auf den Zehenspitzen, setzt möglichst viel Sohle auf, so habt ihr Haftung», erklärt Marcel.

Um das Gleichgewicht und die Trittsicherheit zu testen, führt Marcel die Teilnehmer beim Abstieg über Felsblöcke. «Wenn ihr über einen Absatz absteigt, geht mit dem Bauch voran und stützt euch mit den Händen ab. So seht ihr, wo ihr draufstehen könnt und wo nicht», erklärt der Bergführer von der Bergsteigerschule Pontresina. Das heisst, rückwärts hinunterklettern soll man möglichst vermeiden, ausser es geht nicht anders.

Plattenlaufen

Schwieriger ist die Übung, über einen Felsblock hinauf und hinab zu steigen, ohne dabei die Hände zu benützen. Hier zeigt sich, dass auch die Jüngeren im EP-Team noch an ihrer Balance arbeiten müssen. Vertrauen in die Haftung der Schuhsohlen braucht es beim «Plattenlaufen». In dieser Übung geht es darum, eine steile Felsplatte Schritt für Schritt hinab zu laufen ohne ins Rutschen zu kommen. «Versucht den Fels zu lesen und setzt eure Füsse in kleine Einbuchtungen.» In der Tat, mit den Anweisungen von Marcel funktioniert es. Und alle balancieren sicher über die Felsplatte. «Erstaunlich, wie gut die Schuhe halten, wenn man richtig draufsteht», meint Ursina.

Die erste Tour ist geschafft. Das EP-Team hat sie im Grossen und Ganzen gut überstanden. Mitar hat sich eine kleine Schürfung an der Hand zugezogen. Und Ursula hat auf dem Gipfel leichte Krampferscheinungen in den Oberschenkeln bekommen. Und bei den Übungen an den Felsblöcken haben sich alle noch etwas ungelenkig gezeigt. Marcel ist aber zuversichtlich im Hinblick auf den Piz Bernina. «Ihr habt gemerkt, wo ihr noch Defizite habt. Wichtig ist, dass ihr viel unterwegs seid und auch mal über Felsblöcke und Platten am Wegrand steigt. Egal wenn euch Leute dabei komisch ansehen.»

Auf in die Wildnis

Bergsteigen heisst: Den markierten Wanderweg verlassen. Der einzige Wegweiser ist der Gipfel hoch über dir. Alles was dazwischen liegt, wird überwunden. Wenn es steil wird, nimmst du deine Hände zur Hilfe, was das Bergerlebnis sofort intensiviert. Es geht um Körpergefühl, Gleichgewicht, darum, das Gelände lesen zu können. Es ist ein Zusammenspiel zwischen Muskel- und mentaler Kraft. In dieser Kombination liegt die Faszination des Bergsteigens. Darum nehmen Bergsteiger Mühen und Qualen auf sich.

Bergsteigen ist ein Ausbrechen aus dem abgeflachten, öden Alltag mit seinen planierten, flachgewalzten, asphaltierten Wegen. Denn Bergsteigen findet in der Wildnis statt. Um diesen kleinen Überrest an Wildnis, zu erleben, musst du aber nicht zwingend auf einen hohen Gipfel steigen. Die Wildnis kann nur einen Schritt neben dem Wanderweg oder neben dem Parkplatz einer Bergbahnstation liegen. Oft wagst du diesen Schritt nicht, denn er bedeutet neben Erlebnissteigerung auch erhöhte Gefahr. Der Mensch gehört nicht in die hochalpine Bergwelt, er kann sich darin nur kurz aufhalten, auf lange Zeit ist er in der Wildnis nicht überlebensfähig. Du bist immer bloss Gast in den Bergen. Und so solltest du dich darin bewegen: respektvoll, aufmerksam, zurückhaltend. Das ist die Erkenntnis, welche das EP-Team aus der alpinen Wanderung auf den Piz Alv ziehen konnte. Mit dieser Einstellung gilt es nun, den Piz Bernina anzupeilen. Auf in die Wildnis. Schritt für Schritt. Als Gast.