Brunnengemeinschaften: Eine fast vergessene Tradition

Dorfbrunnen. Kaum ein anderes Bauteil vereint die Begriffe Wasser und Gesundheit besser als diese «Quellen» der Strassen. Deren Bedeutung hat aber stark abgenommen.

Von vielen Touristen werden die Brunnen der Unterengadiner Dörfer heute vor allem als Schmuckbauten empfunden. Dabei hatten sie ursprünglich eine existenzielle Bedeutung für die Dorfgemeinschaft. In pragmatischer, aber auch sozialer Hinsicht. Die Brunnen prägen das Ortsbild und sind für die vielen Besucher, die in den Sommermonaten durch die Unterengadiner Dörfer flanieren, ein beliebtes Fotomotiv, aber auch ein Ort, um kurz zu verweilen. So sieht man gerade in der warmen Jahreszeit täglich Touristengruppen, die auf den Rändern der Dorfbrunnen sitzen, ihre Flaschen für die anstehende Wanderungen auffüllen, sich die Hände oder das Gesicht abkühlen und über mitgebrachten Faltkarten die Route ihres Ausfluges diskutieren. Auch wenn sich die Bedeutung der Dorfbrunnen über die Jahrhunderte stark gewandelt hat – ein Treffpunkt waren sie schon immer.

Zentren des Zusammenlebens

Bis zu Beginn der 20. Jahrhunderts bildeten die Dorfbrunnen die eigentlichen Zentren des Zusammenlebens. Denn das für den Alltag benötigte Wasser musste damals, als es noch keine Leitungen in den Häuser gab, direkt am Brunnen geholt werden. Zum Trinken, Wäsche waschen und natürlich auch – und das war in den Zeiten, bevor der Tourismus die Region erreichte, besonders wichtig – um das Vieh zu tränken.

Dementsprechend oft trafen sich die Bewohner am Brunnen. Parallel zu den verrichtenden Arbeiten tauschte man so auch gleich Neuigkeiten aus und diskutierte Belange des Dorflebens. Auch die Häuser orientierten sich an den Brunnen und waren nach ihnen ausgerichtet. Die Sicht auf den Brunnen versuchte man frei, den Weg dorthin möglichst kurz zu halten. Mehrere Haushalte schlossen sich zu Brunnengemeinschaften, auf Romanisch «bavraduoiras», zusammen, die die Nutzungsrechte an den jeweiligen Brunnen hielten, aber auch für Instandhaltung, den Unterhalt, Reinigung und den beständigen Zulauf sorgten – der lange Zeit mit ausgehöhlten und längsgeschnittenen Baumständen, meist Lärchenholz bewerkstelligt wurde. Im wöchentlichen Takt und gemäss dem Rotationsprinzip wechselten sich die verschiedenen Haushalte in ihren Pflichten ab. Protokolliert wurden die Dienste in den Brunnenbüchern der Gemeinschaften.

Klare Regeln der Brunnennutzung

Die Brunnennutzung unterlag dabei klaren Leitlinien, den sogenannten Brunnenordnungen. Verstösse gegen diese wurden mit Geldbussen geahndet. Das Waschen von Kleidung oder Teppichen im Brunnenbecken etwa war oft nur zu einer bestimmten Zeit des Tages erlaubt, meist vom frühen Morgen bis etwa 14 Uhr am Mittag, denn das Wasser der Umlaufbrunnen musste für das spätere Tränken der Tiere wieder sauber sein.

Je nach Brunnengemeinschaft waren auch das Spülen von Schlachtgut, etwa Tierdärmen oder das Säubern von landwirtschaftlichem Arbeitsgerät und anderen stark verschmutzten Gegenständen entweder streng reglementiert oder komplett untersagt. Die Einhaltung der Verordnungen wurde durch von der Gemeinschaft gewählte Brunnenvorsteher kontrolliert.

Schwindende Abhängigkeit

Die Bedeutung der Brunnen als wichtigste, weil zentrale Zugangsquelle zu Wasser, nahm mit dem zunehmenden Ausbau der Infrastruktur, dem Aussiedeln der Bauernbetriebe aus dem Dorf und dem Beginn der touristischen Erschliessung des Unterengadins stetig ab. Ab etwa 1920 wurden die ersten Wasserleitungen in die Häuser gelegt, in den 50er-Jahren kamen dann technische Innovationen wie die Waschmaschine, später der Geschirrspüler ins Tal, wodurch sich viele der bis dato am Brunnen erledigten Haushaltsaufgaben in das Innere der Engadinerhäuser verlagerten. Mit der schwindenden Abhängigkeit der Haushalte von den Dorfbrunnen zerfielen auch viele der bis dahin bestehenden Brunnengemeinschaften. Die Bereitschaft, sich um den Brunnen zu bemühen, nahm in der Folge immer weiter ab, was dazu führte, dass in vielen Dörfern heute die Gemeinden für den Unterhalt der Brunnen zuständig sind.

Tradition erhalten und weiterleben

Vereinzelt aber, wie beispielsweise in Sent, wird die Tradition der Brunnengemeinschaften noch am Leben erhalten. Am Bügl Süt etwa, einem Brunnen, der in einer begrünten Ausbuchtung an der Querstrasse nur wenige Meter oberhalb des Platzes liegt und seinen Namen von der zugehörigen und zeitweise ausgetrockneten Quelle erhalten hat. Etwa zwölf Haushalte, so erklärt Anwohnerin Uorschla Felix, bildeten die hiesige Brunnengemeinschaft. Zwar würde das Brunnenbuch, das unter den Anwohnern herumgereicht wird, auch mal einige Wochen liegen bleiben und der eigentlich für jeden Samstag eingeteilte Dienst nicht immer erledigt, aber: «Hier am Bügl Süt ist die Tradition noch lebendig.» Im Sommer 2009 feierte man das 100-Jahr-Jubiläum des Brunnens mit einem Nachtessenn und jeden Silvester wird das Jahr von den Anwohnern mit einem Brunnenfest verabschiedet.

Quellen zum Text:Monique Dubois: «Die Brunnen der Engiadina Bassa», erschienen (2014), ISBN: 978–3–033–04430 und Paul Eugen Grimm: «Sent», (erscheint im November 2015).

Der «Bügl Süt» in Sent konnte seine frühere Bedeutung wenigstens teilweise in die Neuzeit retten. Foto: Nicolo Bass